Botox gegen Depressionen?

Wie kann Botox gegen Depressionen helfen?Dass Botox zu kosmetischen Zwecken bei der Glättung von Falten eingesetzt wird, ist bekannt. Aber ist das Mittel in der Lage, auch bei Depressionen Anlass zu Heilungs-Hoffnungen zu geben? Studien zur Anwendung des Nervengifts lassen dies vermuten. Butolinumtoxin, so der medizinisch korrekte Name, hat viele Fähigkeiten. In Gesichtsregionen injiziert, reduziert das Nervengift Falten, wenn auch nur für einige Zeit. Um diese Tatsache wissen die meisten Menschen. Ebenso wird es bei Schiefhals, Lidkrampf sowie Zähneknirschen eingesetzt und hilft bei chronischen Schmerzen und übermäßiger Transpiration. Wie jedoch sollte Botox bei Depressionen funktionieren?

Die medizinische Forschung von Botox hinsichtlich der Wirkung auf Betroffene

Bereits seit vielen Jahren erforschen Experten die Wirkung des Nervengifts auf die Psyche. Auch der Geronto-Psychiater Marc Axel Wollmer, der an der Asklepios Klinik in Hamburg tätig ist, gehört zu diesen Medizinern. Im Mittelpunkt seiner Therapie steht nämlich der sogenannte “Stirnrunzler”, das ist der Muskel, der die Augenbrauen bewegt. Bereits im Jahr 1872 von Charles Darwin als “Trauer-Muskel” bezeichnet, ist er bei Depressiven überaktiv. Wird nun dieser Muskel durch Botox gelähmt, dann glätten sich die Furchen  zumindest vorübergehend. Wollmer geht davon aus, dass diese Spritzen nicht nur kosmetische, sondern ebenso eine die Stimmung verändernde Wirkungen haben. Er ist der Meinung, dass diese Mimik unterhalb der Stirn nicht nur Emotionen auszudrücken vermag, sondern diese über eine Art Rückkopplungsschleife sogar aufrechterhalten wenn nicht sogar verstärken kann. Aufgrund des lähmenden Effekts von Botox auf die Muskulatur wird, so glaubt Wollmer, diese Schleife unterbrochen, so dass die bei Depressionen auftretenden Gefühle, wie Angst oder Trauer, nachlassen können.

Zu diesen Vermutungen kommt ein weiterer Aspekt: Schaut sich ein von der Erkrankung Betroffener in den Spiegel und erblickt dabei ein trauriges Gesicht mit tiefen Furchen, so wird seine sowieso schon negative Stimmung bestätigt oder sogar verstärkt. Wenn diese Sorgenfalten jedoch nicht da sind, verändert sich seine Körperwahrnehmung und die Stimmung bessert sich, was sowohl für die Selbst- als auch für die Fremdwahrnehmung gilt. Von einer solchen Veränderung profitiert der Depressive.

Die Botox-Tests

Wollmer und sein Kollege Tillmann Krüger haben im Rahmen ihrer ersten sogenannten “randomisierten Placebo-kontrollierten” Studie, die sie im Jahr 2012 in einem Zeitraum von 16 Wochen durchführten, 15 Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen mit dem Nervengift und weitere 15 Betroffenen mit einem Placebo-Mittel behandelt. (Eine solche Studie nennt der Fachmann “randomisiert”. Das bedeutet, dass die Zuordnung der teilnehmenden Personen zufällig erfolgt. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass beide Gruppen bezüglich ihrer Zusammensetzung zueinander überwiegend gleichwertig sind.) In dieser Zeit verschwanden nicht nur die Falten, sondern 60 % der Patienten, die mit wirklichem Botox behandelt wurden, sprachen von einer spürbaren Depressionsverbesserung, selbst nach dem Abklingen des kosmetischen Effekts.

Laut Aussage Wollmers habe sich in experimentellen Versuchen an gesunden Probanden gezeigt, dass die Amygdala, die Gehirnregion, die die unangenehmen Emotionen verantwortet, nach der Zuführung des Nervengifts weniger aktiv war. Auch sei eine kontinuierliche Verabreichung nicht erforderlich, da der positive Effekt auch über die 16 Wochen hinaus anhalte, so Wollmer. Wenn auch der Muskeltonus wieder ansteige, blieben die Depressions-Werte bei vielen Betroffenen niedrig und bei einem Drittel der Probanden seien die Depressionen sogar völlig verschwunden.

Die Wirkung der Experten auf derartige Ergebnisse

Verhalten optimistisch, so könnten die Reaktionen der Forscher und Fachärzte bezeichnet werden. Dies umso mehr, als die gängigen Maßnahmen sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und häufig versagen. Allerdings, so die Einwände, seien bei dieser Studie lediglich 30 Probanden betroffen, was eine zu geringe Anzahl darstelle. Auch der besonders starke Erfolg stimme nach Aussagen der Spezialisten nachdenklich, eine Einschätzung, die auch Wollmer teilt. So sei es verfrüht, von einer etablierten Therapie zu sprechen, da hierzu größere Studien und mehr Erfahrung benötigt würden. Darüber hinaus sei diese Behandlung lediglich an Betroffenen mit leichter bis mittelschwerer Depression zum Einsatz gekommen. Daher könne, so Wollmer, Botox (bisher jedenfalls) keine Psychotherapie ersetzen und sei vielmehr ein Baustein von vielen Möglichkeiten im Rahmen einer Depressionsbehandlung.

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