Ketamin

Ketamin als Ausweg aus der Depression?Ketamin- Ein Ausweg aus der Depression?

In Deutschland leiden ungefähr 3,1 Millionen Menschen an Depressionen. Dabei gibt es in den Altersgruppen von 18 Jahren und bei Personen über 65 Jahre ebenfalls Menschen, die von depressiven Störungen heimgesucht werden. Aus diesem Grund, so schätzen Experten, erhöht sich die Anzahl auf vermutete 4 Millionen hierzulande, die zumindest eine depressive Periode erleben oder erlebten. Fest steht, dass die Zahl der Fälle sowie damit verbunden, der Konsum von Antidepressiva, stetig steigen. Der schreckliche Flugzeugabsturz in Frankreich sorgte für Diskussionen, bei dem der Co-Pilot, als Verursacher des Unglücks, an Depressionen gelitten haben soll. Das wirft erneut die Fragen auf, ob Depressionen dauerhaft heilbar sind und mit welchen Risiken durch Betroffene unserer Gesellschaft rechnen muss.

Aktuelle Erkenntnisse rücken Ketamin in den Fokus der Wissenschaftler

In Frankreich, der Schweiz, in den USA sowie in England und Deutschland forschen Experten mit großer Intensität an innovativen Therapiemöglichkeiten bei Depressionen. Dabei erregt das psychoaktive Ketamin ihre besondere Aufmerksamkeit. Die Einnahme dieses Medikaments soll nämlich bei einer Vielzahl von Patienten dazu führen, dass innerhalb kürzester Zeit depressive Symptome verschwinden.

Wann kommt Ketamin zum Einsatz, und was löst es aus?

In der Medizin wird es hauptsächlich in Notfällen verwendet. Es bewirkt eine dissoziative Anästhesie, bei der die Betroffenen in einen tranceähnlichen Zustand fallen. Das Besondere in diesem Zusammenhang ist jedoch, dass während dieser Phase Schutzreflexe weitgehend erhalten bleiben. So hat sich Ketamin in der Vergangenheit während zahlreicher Studien auch bei Depressionen als wirksam bewährt, wohingegen sich die heute oft applizierten Antidepressiva bei einem Drittel aller Patienten nicht zufriedenstellend auswirkten. Das Arzneimittel Ketamin dagegen reduziert (jedoch mit starken Nebenwirkungen!) innerhalb weniger Stunden Symptome, selbst bei sonst therapieresistenten Betroffenen.

Wissenschaftliche Forschungen rund um Ketamin

Das Arzneimittel wurde im Jahr 1962 von dem US-amerikanischen Pharmazeuten mit Namen Calvin Stevens erfunden. 1966 erwarb er das Patent auf Ketamin. Seit der Zulassung im Jahr 1970 wird es in der Notfallmedizin genutzt und zwar als einziges Narkosemittel, das das Bewusstsein ausschalten kann, ohne dabei die Atmung zu unterbrechen, im Gegensatz zu anderen Anästhetika. Diese Tatsache ermöglicht eine Operation, ohne eine künstliche Beatmung durchführen zu müssen.

Der erste Forscher, der bemerkte, dass Ketamin auch starke antidepressive Wirkungen aufzuweisen schien, war der an der Yale University lehrende Wissenschaftler John Krystal. Eigentlich beschäftigte er sich mit schizophrenen Menschen. Dabei entdeckte er, dass sich bei vielen Patienten depressive Stimmungen unter der Verabreichung von Ketamin signifikant besserten.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Prof. Dr. Christoph Turck, der Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München ist, untersuchte nun unlängst, gemeinsam mit Marianne-Müller-Sitz von der Mainzer Universität, im Hippocampus von Mäusen die Wirkung des Medikaments. Diese Region des Gehirns wurde schon in früheren Studien mit Depressionen in Verbindung gebracht. Die Leistungen des Gedächtnisses werden durch den Hippocampus gesteuert. Betroffene zeigten oft Beeinträchtigungen in diesem Gebiet. Auch wurden bei solchen Patienten Veränderungen bezüglich der Verknüpfungen zwischen verschiedenen Regionen des Hirns, inklusive des Hippocampus, festgestellt.

Bei Versuchen mit Mäusen wurden schon zwei Stunden nach der Verabreichung von Ketamin Veränderungen im Energiestoffwechsel in den Hippocampus-Zellen dieser Tiere festgestellt. Derartige Mutationen, wie beispielsweise Veränderungen im Zitronensäurezyklus wurden gemeinsam mit Störungen der Mitochondrien schon vorher mit Depressionen und generellen affektiven Störungen in Verbindung gebracht. Weiterhin fanden die Forscher heraus, dass dieses Medikament den Energiestoffwechsel in den Gehirnzellen verlagert. So sorgt Ketamin unter anderem dafür, dass die Zellen im Gehirn auf deutlich mehr Energie zurückgreifen können. Darüber hinaus aktiviert es Signalwege, die die Entwicklung frischer Proteine an den Synapsen zur Folge haben.

Auch die Pharmaindustrie, wie das Unternehmen Boehringer Ingelheim, zeigt sich nun interessiert an der Erforschung von Ketamin. Gemeinsam mit dem Konzern, einem Partner des Max-Planck-Instituts, plant Prof. Dr. Turck eine weitere Analyse, um die Signalkaskaden im Zellinneren bei Ketamin genauer zu erforschen.

Bis Ketamin in Europa angewendet wird, könnte noch einige Zeit vergehen

Eine Ketamin-Therapie bieten in den USA bereits einige Zentren an. Auch decken dort viele Versicherungsgesellschaften zumindest einen Teil der Kosten. Bis sich allerdings Ketamin als Behandlungsmethode in Europa etablieren wird, werden, nach  Meinung von Prof. Dr. Turck, noch einige Jahre verstreichen. Denn es werden, seiner Ansicht nach, noch mehr Forschungsergebnisse gebraucht, die die Gefahren und Wirkungen von Ketamin besser verständlich machen.

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